Großer Verlust

Heute ist ein trauriger Tag. Es hat den ganzen Tag gegossen wie aus Eimern. Seit 3 Tagen regnet es eigentlich ununterbrochen in Berlin. Trotzdem habe ich mich mit großer Vorfreude und mit großem Regenschirm auf den Weg zum Schloss Bellevue gemacht. Ich war Mitglied einer Gruppe meiner Lieblingspartei, die für eine Besichtigung des Schlosses angemeldet war. In der Nähe kann man nicht parken, also mußte ich mit meinen filigranen Pumps durch viele Pfützen waten mit dem Ergebnis, dass meine Füsse beim Erreichen der Eingangspforte pitschennass und eiskalt waren. Aber oben herum war alles trocken, denn ich hatte ja meinen riesengroßen blauen Schirm mit der Aufschrift „Titanic“ dabei. Vor vielen Jahren haben meine liebreizende Tochter und ich die Titanic-Ausstellung in Hamburg besucht. Hatte ja auch was mit Wasser zu tun, und deswegen gab es dort Schirme zu kaufen. Vielleicht auch, weil es in Hamburg eigentlich dauernd regnet, jedenfalls viel öfter als in Berlin. 22,– DM hat das gute Stück gekostet. Nach 20-minütigem Stehen in der Kälte ging endlich die Tür zu dem Raum auf, in dem die Bundespolizei uns in Empfang nahm. Die Sicherheitszeremonie begann: Personalausweis zeigen, Mantel ausziehen, samt Schirm und Handtasche in eine Plastikschachtel legen, die auf dem Fließband durch die Durchleuchteanlage fährt, durch die Sicherheitsschleuse gehen (die Absätze meiner wunderbaren Pumps führten natürlich wieder zu einem Piepen, obwohl sie völlig durchweicht waren), Mantel wieder anziehen, Handtasche und Schirm aus der Plastikschachtel nehmen. Danach ging es in den Garten des Schlosses. Einem jungen Mann, der keinen Schirm bei sich hatte, bot ich spontan die Teilhabe an meinem wunderbaren großen Schirm an. Er nahm das Angebot dankend an. Zuerst ging es ins Bundespräsidialamt, ein Gebäude in Eiform, 82 m lang, 42 m breit, in dem 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten. Wir bewunderten, die Kunst am Bau, in den Boden eingelassene Zahlen, die, egal aus welcher Richtung man liest, immer die Summe 15 ergeben, und in die Wände eingelassene farbige Marmortafeln, die die Farben von Caspar David Friedrichs Übergang vom Tag in die Nacht wiedergeben (hätte ich, muß ich gestehen, niemals erkannt, wenn die nette Dame, die uns herumführte, es nicht gesagt hätte). Meinen Schirm hielt ich die ganze Zeit fest. Wir flanierten an den Büsten der ehemaligen Bundespräsidenten vorbei, die in Nischen in einer Wand untergebracht sind. Besonders mißlungen fand ich Gustav Heinemann, dessen Augenbrauen etwas flügelartiges hatten. Auch Herr Heuss sah sehr merkwürdig aus. Er soll aber bei Anfertigung seines Kopfes nicht mehr unter den Lebenden geweilt haben, so dass eine Totenmaske als Vorlage diente. Danach ging es wieder in den Regen und wieder nahm ich den jungen nassen Mann unter meinen Schirm. Wir gingen zum Schloss. In der Eingangshalle standen zwei Schirmständer. Hier hinein stellte ich meinen großen wunderbaren Schirm mit der Aufschrift „Titanic“. Anschließend wandelten wir durch die wunderschön restaurierten Räume und Säle. In jedem Raum ist das Parkett anders, auch die Kunstwerke an den Wänden sind sehr unterschiedlich, alles in allem aber sehr schön. Wir erfuhren, dass der letzte Bundespräsident, der auch tatsächlich im Schloss Bellevue gewohnt hat, Herr Herzog war. Dieser war mit der Wohnsituation aber nicht sehr zufrieden, die Heizung funktionierte nicht immer, auch mit dem warmen Wasser gab es Probleme, hinzu kamen regelmäßige Stromausfälle. Die Führung wurde leicht dadurch beeinträchtigt, dass der Bundespräsident sich noch im Haus aufhielt und einen Gast hatte. Schließlich war aber auch dieses Problem behoben, der Gast hatte sich verabschiedet und wir konnten noch das Gartenzimmer und das Empfangszimmer der First Lady besichtigen. Schließlich kamen wir wieder in der Halle an und die nette Führerin verabschiedete sich von uns. Ich näherte mich dem Schirmständer, in dem ich meinen wunderbaren Schirm abgestellt hatte. Den großen blauen mit der Aufschrift Titanic, der, als ich ihn verließ, weit aus dem Schirmständer herausragte, weil er eben der größte war. Nun ragte nichts mehr aus dem Schirmständer, mein Schirm, mein schöner großer blauer Schirm, einfach weg. Sofort befragte ich den uns begleitenden Sicherheitsbeamten, wer der Gast von Herrn Köhler gewesen sei, der ja nun offenbar meinen Schirm mitgenommen hatte. Es war sehr mühsam, den jungen Mann überhaupt zu einer Regung seines Körpers oder seiner Gesichtszüge zu bewegen. Mehrfach wiederholte ich, dass mein Schirm nicht mehr da sei. Schließlich fragte er: „War es ein schwarzer Schirm?“ „Nein“, sagte ich, „ein großer blauer mit der Aufschrift Titanic“. Er telefonierte mit der Wache am Eingang und erklärte, ich solle mich dort melden, dort würde ich meinen Schirm wiederbekommen. Für den Weg dorthin gab er mir einen kleinen blauen Schirm mit der Aufschrift „Zu Gast beim Bundespräsidenten“. Forschen Schrittes machte ich mich auf den Weg zur Wache. Zwei Polizisten sprachen mit mir durch eine dicke Glasscheibe. Sie fragten, was ich denn für einen Schirm gehabt hätte. Ich antwortete: „Einen großen blauen Stockschirm mit der Aufschrift Titanic“. Das sagte ihnen nichts. Natürlich beschwerte ich mich, dass die Herren nicht auf meinen Schirm aufgepasst hätten. „Wieso“, sagte der eine. „Haben sie ihn denn bei uns in Verwahrung gegeben?“. „Nein“, sagte ich, aber während der ganzen Besichtigung hätte man doch penibel auf mich aufgepaßt, wir wurden schließlich von einem Sicherheitsbeamten die ganze Zeit argwöhnisch betrachtet, dann hätte man doch auch auf meinen Schirm aufpassen können. Schließlich öffnete einer der Beamten die Glasschachtel und hielt mir einen Schirm entgegen. Als Trost könne ich den mitnehmen, meinte er. „Er ist auch groß und blau.“ Aber nicht so groß und nicht so stabil wie meiner, sagte ich, immer noch fassungslos. Außerdem steht nicht „Titanic“, sondern www.bundespraesident.de drauf. Titanic finde ich bei Regenwetter einfach passender. Was hat denn www.bundespraesident.de mit Regen zu tun? Na ja, nun habe ich zwei Schirme statt einem, hat sich der Nachmittag ja doch gelohnt, oder? Nein, für mich nicht. Auch zwei neue blaue Schirme können den alten nicht ersetzen. Aber: aus Schaden wird man klug. Sollte ich jemals wieder den Bundespräsidenten in seinem Schloss besuchen, werde ich meinen Schirm nicht wieder aus der Hand geben. Dann kann ich jedenfalls sicher sein, dass das Sicherheitspersonal auf mich und auf meinen Schirm aufpaßt und nicht nur auf mich. Und nun werde ich mich in den Schlaf weinen, um den großen Verlust meines schönen großen blauen Schirms mit der Aufschrift „Titanic“ zu beklagen. Vielleicht liest ja auch der Gast von Herrn Köhler dies und gibt mir meinen schönen großen blauen Schirm mit der Aufschrift „Titanic“ wieder. Oder, wenn es doch nicht der Gast von Herrn Köhler war, derjenige, der spontan nach meinem Schirm gegriffen hat, weil es der größte, schönste und stabilste war. Ich würde ihn so gerne wiedersehen.

Gute Nacht

2 Responses to “Großer Verlust”

  1. S.K. sagt:

    Ich bin empört! Was treibt sich für Gesindel im Bundespräsidialamt herum, was solch eine Gaunerei zu leisten im Stande ist? Darüber helfen auch Kurzspaziergänge mit einem junge Mann und zwei neue Schirme nicht hinweg.

    Mit aufrichtiger Anteilnahme

    Ihr S.K.

  2. FRECHHEIT! Noch nie hat ein Schirm lange überlebt, aber der große blaue mit der Aufschrift „Titanic“ hielt schon fast ein ganzes Jahrzehnt! Und nun ist er weg, weil irgendjemand ihn geklaut hat! Und das noch beim Bundespräsidenten. Na herzlichen Glückwunsch!

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